Kopfschmerz / Schmerzstörung

Schmerzstörung

Chronische Schmerzstörungen:

Kopfschmerzerkrankungen und andere chronische Schmerzstörungen

Etwa 5% der Bevölkerung klagen über chronische Schmerzen. Am häufigsten werden Kopf-, Rücken- und Gelenkschmerzen genannt. Tendenziell scheinen Frauen eher an einer chronischen Schmerzstörung zu erkranken. Die „International Association for the Study of Pain“ (kurz: IASP genannt) beschreibt den Schmerz zusammengefasst als ein subjektiv unangenehmes Erleben, das sich sowohl auf der Ebene der reinen Sinneswahrnehmung als auch auf der emotionalen und sozialen Ebene widerspiegelt. Schmerzstörungen sind daher nie isoliert als eine rein körperliche Erkrankung zu verstehen. Es besteht immer eine belastend-leidvolle Lebenssituation, in der ein Zusammenwirken von körperlichen (somatischen), seelischen (psychischen) sowie aktuellen und zurückliegenden lebensgeschichtlichen (sozial-biographischen) Faktoren zu berücksichtigen ist. Heute wird jede chronische Schmerzstörung als eine vor allem psychische Störung verstanden; gerade dann, wenn der Schmerz die vorherrschende Beschwerde ist. Die andauernden, zumeist schweren und quälenden Schmerzen sind dabei nicht durch einen rein physiologischen Prozess oder eine körperliche Verletzung vollständig zu erklären. Eine chronische Schmerzstörung – wie beispielsweise eine chronische Kopfschmerzerkrankung – wird als ein Schmerzsyndrom verstanden, das sich auf mehreren Ebenen des Erlebens widerspiegelt. Die ständige und schließlich überhäufige Einnahme von Medikamenten kann folgerichtig als isolierte Maßnahme nicht zu einer Linderung oder gar teilweisen Heilung der Beschwerden führen. Eine Behandlung, die ausschließlich nur einen Aspekt der Schmerzerkrankung berücksichtigt, kann nicht zu einer anhaltenden Beschwerdenbesserung beitragen. Heute ist eine Behandlung auf mehreren Ebenen im Rahmen eines interdisziplinären und multimodalen Therapieansatzes ein zu fordernder Standard. Nur in der Zusammenarbeit von Physiotherapeuten und Sozialarbeitern/-pädagogen sowie Psychologen, Co-Therapeuten (speziell ausgebildetes Krankenpflegepersonal) und Ärzten mit unterschiedlichen sich ergänzenden Therapiemethoden liegt die Möglichkeit eines umfassenderen Krankheits- und Behandlungsverständnis von chronischen Schmerzstörungen.

Therapiekonzept:

Unter Berücksichtigung verhaltenstherapeutischer (verschiedenartige Lernprozesse), wissenschaftlich-medizinischer (neuropsychologischer und neurophysiologischer Kenntnisse) sowie körper- und wahrnehmungsorientierter Ansatzpunkte und Konzepte wird für jeden Patienten ein individueller Therapieplan erarbeitet. Eine psychosomatische Therapie und damit auch eine schmerztherapeutische Behandlung gelingt gerade in der engen Zusammenarbeit mit dem Patienten.

Die Behandlungsbasis ist die Aufarbeitung der individuellen Schmerzgeschichte in der Einzeltherapie. Hier werden neben der individuellen Entstehungsgeschichte insbesondere die aktuellen die Beschwerden möglicherweise ungünstig verstärkenden Verhaltensweisen besprochen. Dazu gehören ebenso Vorstellungen und Einstellungen sowie Fehlbelastungen und falsch verstandenes Schonen des Körpers. Das eingehende Thematisieren der jeweiligen Leidensentwicklung und bisheriger eigener Krankheitsvorstellungen und Behandlungsmaßnahmen werden unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet. Ein erweitertes Erkrankungsverständnis soll erarbeitet und andere Behandlungsperspektiven und -strategien gerade im Leben mit der eigenen Schmerzstörung entwickelt werden.

Darauf aufbauend und ergänzend ist die schmerzstörungsspezifische Gruppentherapie ein weiterer zentraler Behandlungsbaustein. In der Auseinandersetzung und im Erfahrungsaustausch mit anderen ebenso an einer Schmerzstörung erkrankten Mitpatienten liegt eine bedeutende Ressource. Schmerz ist nicht uniform, wird nicht von jedem gleich empfunden und ist nicht immer gleich stark. Hier bietet sich die Möglichkeit, eine andere Sichtweise auch für die eigenen persönlichen Beschwerden zu erfahren. In der Zusammenarbeit mit den anderen Mitpatienten und den Therapeuten wird die Chance gegeben, sich vom eigenen Schmerzerleben auch mehr und mehr zu distanzieren. Erst im Überblick und mit Abstand zum eigenen Krankheitserleben lassen sich neue Perspektiven erarbeiten. Die leider zu oft überwiegend aus Verzweiflung aufgesuchte Isolation wird überwunden.

Kopfschmerz

Individuell und je nach Bedarf werden neben der vorwiegend dem Erfahrungsaustausch und insbesondere dem informativen Therapieansatz (Psychoedukation) dienenden Gruppentherapie weitere Behandlungsmodule hinzugezogen. Hierzu zählen: Kommunikative Bewegungstherapie mit dem Schwerpunkt der Körperwahrnehmung, Physiotherapie unter dem Gesichtspunkt eines langsamen Kraft- und Trainingsaufbaus, Gestaltungstherapie mit dem Erfahren anderer Ausdrucksmöglichkeiten, Progressive Muskelrelaxation nach Jocobson als ein Entspannungsverfahren, Euthyme Therapieansätze als Bewältigungsmöglichkeit depressiven Erlebens, Sozialtherapie sowie sowohl Medikamentenentzug und -karenz als auch unter dem Gesichtspunkt eines Gesamtbehandlungsplans medikamentöse Schmerztherapie im Sinne eines auch medikamentös-medizinischen Ansatzes.

Die Möglichkeit zur Zusammenführung der Ergebnisse, Erfahrungen und Erkenntnisse aus den unterschiedlichen sich ergänzenden Therapieeinheiten wird in der Einzeltherapie gegeben. Hier werden auch die weiteren Behandlungsziele(u.a. ambulante Weiterbehandlung) und Strategien im Umgang mit der eigenen Schmerzerkrankung erarbeitet. In Zusammenarbeit mit dem Bezugstherapeuten sollen Fertigkeiten zur Schmerz- und Stressbewältigung, zum Genusserleben trotz Schmerz und zur Einstellungsveränderung gegenüber dem eigenen Körper und der weiteren persönlichen Lebensplanung erarbeitet werden.

Indiziert ist eine stationäre Aufnahme in den Schwerpunktbereich Kopfschmerz bei allen Patienten mit primären Kopfschmerzen, bei denen die ambulante Behandlung bisher zu keinem befriedigenden Therapieerfolg führte und bei Patienten, bei denen sich ein medikamenteninduzierter (Analgetika und/oder Migränemedikamenten) Dauerkopfschmerz entwickelt hat. In manchen Fällen sollten mögliche organische Ursachen bereits in der Vorgeschichte medizinisch abgeklärt worden sein (z.B. durch eine Computertomographie, MRT etc.). Kopfschmerzexperten gehen davon aus, dass bei der Entstehung und/oder Aufrechterhaltung primärer Kopfschmerzen sowohl physiologische Aspekte (u.a. Veränderungen verschiedener Neurotransmitter und Neuropeptide, intra- und extrakranielle Gefäßreaktionen, Dysregulationen im zentralen noradrenergen und serotonergen System mit Stimulierung von Trigeminusafferenzen, erhöhte EMG-Aktivität) als auch psychische Faktoren (z.B. psychosozialer Stress, Depressivität, ineffektive Abgrenzung, inadäquate Äußerung eigener Gefühle) bedeutsam sind. Konzeptuell sollen daher diese unterschiedlichen Aspekte in Diagnostik und Therapie Berücksichtigung finden. Die diagnostische Phase beginnt bereits vor Aufnahme in die Klinik, indem die Patienten gebeten werden, ab der Anmeldung zum stationären Aufenthalt ein Kopfschmerztagebuch zu führen. Aus diesem Tagebuch lassen sich bereits bei der Klinikaufnahme wichtige Schlüsse über differentialdiagnostische Aspekte, Häufigkeit und Intensität der Kopfschmerzen, Art und Anzahl der derzeit eingenommenen Medikamente sowie über die Stimmungslage, auslösende und unterhaltende Bedingungen ziehen. Zu Beginn des stationären Aufenthaltes steht eine an den aktuellen Kriterien der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft (IHS und ICD-10) ausgerichtete Diagnose unter Einbeziehung psychophysiologischer und psychosozialer Aspekte. Aufbauend auf dieser Diagnostik wird für jeden Patienten ein individueller Therapieplan erstellt, der sich wiederum an den Therapieempfehlungen der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft (IHS) und der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) orientiert. Abhängig von der jeweils vorliegenden Diagnose kann das Therapieprogramm folgende Elemente enthalten:  

Bei Migränepatienten:

  • Medikamentenentzug bzw. –karenz
  • Medikamentöse Anfalls- sowie Intervalltherapie
  • Schmerzbewältigungstraining
  • Muskuläre Entspannung nach Jacobson
  • Stressbewältigungs- und Genusstraining
  • Kognitiv-verhaltensorientierte Verfahren (z.B. Abbau von erhöhtem - Leistungsstreben)
  • Kreislauftraining (z.B. Jogging)
  • Kommunikative Bewegungstherapie mit Elementen der Atem- und - Wirbelsäulentherapie mit Schwerpunkt Körperwahrnehmung
  • Gestaltungstherapie
  • Sozialtherapie

Bei Patienten mit Kopfschmerz vom Spannungstyp:

  • Medikamentöse Therapie
  • Muskuläre Entspannung nach Jacobson
  • Stressbewältigungs- und Genusstraining Depressionsbehandlung nach Beck,
  • Aufbau von Aktivitäten
  • Physikalische Therapie
  • Sport- und Freizeittherapie
  • Transkutane Nervenstimulation
  • Kommunikative Bewegungstherapie
  • Gestaltungstherapie
  • Sozialtherapie  

Die verhaltensmedizinischen Maßnahmen werden sowohl einzeltherapeutisch, als auch in Gruppen durchgeführt. Der Eigeninitiative des Patienten wird in unserem Behandlungskonzept eine entscheidende Bedeutung beigemessen: "die Änderung der eigenen Misere von anderen zu verlangen ist einfach und unwirksam". In der ersten Phase des stationären Aufenthaltes steht der Übergang von nach außen gerichteten Aktivitäten hin zu vermehrter Besinnung auf sich selbst deutlich im Vordergrund. Am Ende des stationären Aufenthaltes erfolgt ein ausführliches Abschlussgespräch, wiederum unter Einbeziehung medizinischer wie psychologischer Empfehlungen für die nachstationäre Zeit. Die Dauer des stationären Aufenthaltes (ohne Entzugsbehandlung) sollte im allgemeinen 6 - 8 Wochen betragen, bei Patienten mit medikamenteninduziertem Kopfschmerz ist evtl. ein längerer Aufenthalt notwendig, in Abhängigkeit des Störungsbildes.